Jahrtausendelang haben die andinen Völker die Cocablätter in ihrem täglichen Leben genutzt, um in schwierigen Zeiten die Stimmung aufzuhellen, um in wichtigen Momenten des Lebens die sozialen Verbindungen zu stärken, um ihr physisches und spirituelles Wohlbefinden zu stärken und um es ihren Göttern als Opfergabe darzureichen. Das Blatt der Cocapflanze war so etwas wie der Hüter der respektvollen Beziehung der andinen Völker gegenüber der Erde und gegenüber dem Leben, das aus dieser Erde entsteht. Auch wenn die hohen Herren der Andenregionen den Gebrauch des Coca für ihre eigenen Zwecke nutzten, wurde erst mit dem Eintreffen der Europäer der Gebrauch der Pflanze verboten und die Nutzer verfolgt. Als den katholischen Missionaren die religiöse Bedeutung der Cocapflanze klar wurde, beschlossen sie, unter dem Vorwand, die heidnischen Riten zu bekämpfen, das Ende der Coca-Ära einzuläuten.
|
|
Ein Yatiri, Wahrsager, liest aus Cocablättern |
|
|
Da die andinen Völker aber auf die Nutzung der heiligen Pflanze beharrten, wurde das Coca von den Eroberern dazu eingesetzt, die Bevölkerung als Träger und bei der Arbeit in den Rohstoffminen und der Landwirtschaft auszubeuten.
Im 20. Jahrhundert ließen die USA alle Staaten das Einheitsübereinkommen über die Betäubungsmittel von 1961 unterzeichnen, und zwar mit Rückendeckung der UNO und deren Besorgnis über den Gebrauch von Betäubungsmitteln, welche auf diskriminierenden wissenschaftlichen Untersuchungen beruhte, die besagten, daß die andine Bevölkerung im Laufe der Coca-Ära zunehmend verrohte. Neben anderen Aussagen, kriminalisierte das Dokument vor allem die Cocapflanze und verlangte von den indigenen Völkern, den Gebrauch dieser Pflanze in den kommenden 25 Jahren ab in Kraft treten der Konvention einzustellen. Als jedoch nach Ablauf dieser Zeitspanne bei den Indigenas immer noch Coca gekaut wurde, benutzten die USA die epidemieartige Verbreitung des Crackkonsums, bei dem es sich um ein Cocaderivat handelt, als Anlaß, den Kampf gegen die Drogen einzuleiten. Polizei und Militär werden seither dazu eingesetzt, dem Anbau der Pflanzen ein Ende zu setzen und terrorisieren die andine Bevölkerung bis heute.
Diese anhaltende, kolonialistische Einstellung überrascht nicht bei denjenigen, die ihr Glück darin suchen, aus ihresgleichen Kapital zu schlagen. Der wirkliche Skandal ist aber, daß die UNO selber im Jahre 1948 eine Allgemeine Menschenrechtserklärung abgegeben haben, in der unter anderem die Religionsfreiheit aufgeführt ist, in dessen Rahmen (Artikel 18): Jeder das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit hat; dieses Recht schliesst die Freiheit ein, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, in der Öffentlichkeit oder privat, durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen. Und dieselbe UNO-Vollversammlung hat einige Jahre später die erwähnte, skandalöse und beschämende Erklärung abgegeben, welche die Religionsfreiheit der andinen Völker systematisch einschränkt. Diese Praktiken stehen daher im eindeutigen Widerspruch zum Artikel 28 der Menschenrechtserklärung; „Jeder hat Anspruch auf eine soziale und internationale Ordnung, in der die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten voll verwirklicht werden können.“ In anderen Worten bedeutet dieser Artikel, daß jeder Aymara, Quechua und alle anderen Menschen das Recht haben, überall auf der Welt offen Cocablätter erwerben und nutzen zu dürfen, wenn sie den Wunsch dazu haben.
Seit jenem unheilvollen Tag im Jahre 1532 (Landung Pizarros an der Küste Perus, Anm. der Red.) konnte die Bevölkerung der Anden immer wieder weiße Männer kommen sehen, die in der einen Hand ein Buch hielten, indem die Überlegenheit ihrer Überzeugungen proklamiert wurde, und in der anderen Hand den Schlagstock für eben die Indios, die diese Wahrheit nicht akzeptieren wollten. Jetzt aber, wo Mama Coca ihr Volk zur Spitze der Macht geführt und den Schlagstock in ihre Hände gegeben hat, ist für die Europäer und ihre amerikanischen Nachkommen der Moment gekommen, die Blätter der Cocapflanze von ihren frevelhaften Verbotslisten zu streichen und endlich ihre eigenen Worte der Magna Carta der Menschenrechte, die heiligen Blätter und auch die Freiheit der andinen Völker auf freie Ausübung ihrer Religionen und Kulte zu respektieren.
“¡Causachun coca!” “Es lebe das Coca!
|