Am 27. März 1995 gründeten die Dachorganisationen der Bauern, Siedlern und Indigenas, die von den Mißhandlungen und der permanenten Ungerechtigkeit genug hatten, die Versammlung für die Souveränität der Völker (ASP) und das Politische Instrument für die Souveränität der Völker (IPSP), um damit nicht nur auf lokaler, sondern auch auf nationaler Ebene die Macht zu übernehmen.
Die Weigerung des nationalen Wahlkomitees und der gesamten politischen Klasse, sie als eigenständige juristische Person anzuerkennen, zwang die ASP-IPSP, nach anderen Lösungen zu suchen: sie trafen eine Vereinbarung mit der Vereinigten Linken (UI), einer Koalition linker Parteien unter der Führung der Kommunistischen Partei Bolivien (PCB), um auf ihren Listen an den Wahlen teilzunehmen. Bei ihrem ersten Wahlantritt, den Gemeindewahlen am 3. Dezember 1995, konnte die Vereinigte Linke in 10 Städten und 49 Gemeinden in der Region Cochabamba Siege verzeichnen.
Bei den landesweiten Parlamentswahlen am 1. Juli 1997 konnte die Vereinigte Linke vier der insgesamt 130 Abgeordnetensitze im Kongreß erringen. Für Morales, einem der Kandidaten der Vereinigten Linken, die das Mandat gewinnen konnten, war dies ein erster Meilenstein seiner einzigartigen politischen Karriere. Er wurde Abgeordneter für den Verwaltungsbezirk Chapare und Carrasco, und das mit einem Erdrutschsieg, bei dem er 70% der abgegebenen Stimmen erhielt und damit das beste Wahlergebnis aller 68 Kandidaten erzielte, die durch das einfa-che Mehrheitswahlsystem in das Parlament einzogen. „Es war beinahe unglaub-lich, im Jahr 1997 war ich der Kandidat mit dem besten Wahlergebnis des Landes. Endlich war ich Abgeordneter! Ein lang gehegter Wunsch, aber gleich-zeitig auch eine soziale und politische sehr anspruchsvolle Aufgabe voller Verpflichtungen.“
Um an den Lokalwahlen am 5. Dezember 1999 teilnehmen zu können, ging Morales eine Verbindung mit der Sozialistischen Bewegung nach Oscar Unzaga (MAS-U) und dessen Vorsitzenden David Añez Perez, einem mächtigen Industriellen und Ex-Militär, der sich in der Vergangenheit durch seine ständige Opposition gegen die indigene Bewegung hervorgetan hatte, ein. Diese Verbindung war daher ein Widerspruch an sich, da sich die IPSP unter den Zeichen der MAS-U formierte. Im Januar wurde eine Vereinbarung über den neuen gemeinsamen Weg, unter der Präsidentschaft von Morales, unterzeichnet. Zum Dank für diese Verschmelzung, unter Beibehaltung des Namens und der Erkennungsfarben der MAS-U, einer kontinuierlich an Bedeutung verlierenden Partei, wurde Añez von der IPSP-MAS eine „Ehrenpräsidentschaft“ verliehen, während die Partei bald nur noch unter dem Namen MAS firmierte.
Bei den Gemeindewahlen im Dezember 1999 blieb die Sozialistische Bewegung (MAS) mit einem landesweiten Wahlergebnis von 3,2% hinter acht Parteien zurück und gestand ihr somit zu diesem Zeitpunkt nur einen Platz als kleinere Gruppierung mit regionaler Bedeutung in Cochabamba und La Paz (besonders in den Kokaanbaugebieten der Yungas) zu, wo sie in neun Verwaltungsbezirken 58 der 79 Gemeinderäte stellten.
Während Evo seine politische Basis stärkte, intensivierte die ADN-Regierung unter Banzer und später unter Quiroga seine Kampagne zur Bekämpfung des Kokaanbaus durch den Plan Dignidad (Plan der Würde), welcher seit April 1988 unter Führung der USA in Kraft getreten war. Im Rahmen dieses Plans wurde der Chapare zum Notstandsgebiet, was mit einer radikalen Militarisierung der Region einherging. Hunderte Polizisten und Militärs drangen gewaltsam in die Ländereien des Chapares ein und begingen unzählige Mißhandlungen und Morde, die gegen die elementarsten Rechte und Freiheiten der Bevölkerung verstießen.
Seit seinem Erdrutschsieg im Abgeordnetenhaus prangerte Morales die Militarisierung des Konflikts und das im Chapare begangene „Massaker“ an. Darüber hinaus formulierte er für seine Landsmänner das Recht, sich „militant“ den Truppen, welche die Vernichtung des Kokaanbaus vorantrieben und nicht zögerten, für dieses Ziel den Protestanten gegenüber von ihren Schußwaffen Gebrauch zu machen, entgegenzustellen. Diese Haltung Evos wurde mit der Androhung einer Amtsenthebung von offizieller Seite abgestraft.
Am 24. Januar 2002 wurde diese Drohung Wirklichkeit. Mit stillschweigender Duldung des damaligen ADN-Präsidenten Jorge Fernando Quiroga Ramírez wurde dem Anführer der MAS sein Sitz von einer Mehrheit von 104 Abgeordneten der ADN (Nationaldemokratische Aktion), MNR (National-Revolutionäre Bewegung), MIR (Linksrevolutionäre Bewegung), UCS (Union der bürgerlichen Solidarität) und NFR (Neue Republikanische Kraft) entzogen. Die Ethikkommission der Abgeordnetenkammer fand Hinweise darauf, daß der Aymara-Abgeordnete Morales „schwere Fehler bei der Ausführung seiner Funktionen“ begangen hatte und enthob ihn, in Rekordzeit, seines Amtes.
Morales jedoch war weit davon entfernt, zum Schweigen gebracht oder ins politische Abseits gestellt zu werden, sondern erwarb sich den Ruf eines zu Unrecht verfolgten Volksvertreters und sah seine Popularität stetig ansteigen. Morales, der in seinem Fall den Rechtsgrundsatz „in dubio pro reo“ und die parlamentarisch Immunität verletzt sah, legte vor dem Verfassungstribunal Berufung ein und zog sich von seinem Engagement für die Konföderation der Kokabauern Cochabambas zurück. So wurde er am 5. März 2002 von den Delegierten der sechs Gewerkschaften des Tropicos als Präsidentschaftskan-didat der MAS für die Wahlen am 30. Juni des Jahres aufgestellt. Die in La Paz versammelte Menge feierte Morales mit den Rufen „kausachum coca“ (es lebe der Koka) und „huaiñuchum yanquis“ (nieder mit den Yankees). Sie hißten die Wipala, die schachbrettartig gemusterte Flagge, welche als Symbol der Andenkultur gilt, und die rot-gelb-grüne bolivianische Flagge.
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